Ursprung von Schiffe versenken: Die verschiedenen Theorien

Das Spiel, das im Deutschen als Schiffe versenken, im Englischen als Battleship, im Französischen als Bataille navale und im Russischen als Morskoi Boi (Морской бой) bekannt ist, hat keinen eindeutigen Erfinder. Mehrere Theorien konkurrieren um den wahren Ursprung des Spiels — manche reichen bis ins 18. Jahrhundert zurück — aber keine davon konnte bisher schlüssig belegt werden. Die genaue Herkunft des Spiels bleibt bis heute unklar.

Die Royal-Navy-Theorie (18. Jahrhundert)

Die älteste Entstehungstheorie führt das Spiel auf die Royal Navy im 18. Jahrhundert zurück. Dieser These zufolge spielten britische Marineoffiziere eine Art rasterbasiertes Kriegsspiel, um ihre taktischen und strategischen Fähigkeiten zu verbessern. Das Spiel hätte als Übungsinstrument gedient — eine Simulation von Seeschlachten auf Papier, bei der Offiziere das Positionieren von Flotten und das Antizipieren gegnerischer Bewegungen trainierten.

Diese Theorie ist angesichts der langen Tradition der Royal Navy bei Kriegsspielen und taktischer Ausbildung durchaus plausibel. Die britische Admiralität war dafür bekannt, Planübungen und kartenbasierte Simulationen zur Offiziersausbildung einzusetzen, und ein vereinfachtes Rasterspiel für die individuelle Übung würde sich natürlich in diese Tradition einfügen. Allerdings wurden bisher keine konkreten historischen Dokumente aus dieser Zeit gefunden, die ein Spiel mit den exakten Mechaniken von Schiffe versenken beschreiben, sodass diese Theorie unbewiesen bleibt.

Die Seemanns- und Hafenarbeiter-Theorie (19. Jahrhundert)

Eine zweite Theorie verortet die Erfindung des Spiels im 19. Jahrhundert und schreibt sie Seemännern oder Hafenarbeitern zu, die es als einfachen Zeitvertreib während langer Stunden auf See oder im Hafen erfanden. Anders als die Royal-Navy-Theorie, die das Spiel als taktisches Trainingsinstrument einordnet, geht diese Version davon aus, dass es als Unterhaltung unter einfachen Seeleuten organisch entstand.

Die Attraktivität dieser Theorie liegt in ihrer Einfachheit: Seeleute hatten Zugang zu Papier und Bleistiften, verbrachten lange Leerlaufzeiten beim Warten auf Ladung oder günstigen Wind und lebten in einer Welt, in der Marineschiffe alltäglich waren. Ein Spiel über das Verstecken und Finden von Schiffen wäre in diesem Kontext eine naheliegende Erfindung gewesen. Das Spiel könnte sich über internationale Häfen verbreitet haben — von Schiff zu Schiff und von Hafen zu Hafen quer durch Europa — was erklären würde, warum ähnliche Versionen in mehreren Ländern etwa zur gleichen Zeit auftauchten.

Wie bei der Royal-Navy-Theorie gibt es auch für diese Herkunft keine definitiven dokumentarischen Belege, sodass sie im Bereich der plausiblen, aber unbewiesenen Hypothesen verbleibt.

Die russische Theorie: Morskoi Boi

Eine der stärksten Entstehungstheorien führt das Spiel nach Russland zurück, wo es als Morskoi Boi (Морской бой, „Seeschlacht") bekannt war. Dieser Theorie zufolge spielten russische Offiziere das Spiel bereits um 1900 mit Bleistift und Papier, um sich die Zeit bei langen Einsätzen zu vertreiben.

Die russische Version wurde auf einem linierten Raster gespielt, typischerweise 10x10 Felder, auf dem die Spieler Schiffsumrisse platzierten und Koordinaten ansagten, um die versteckte Flotte des Gegners zu treffen. Die Kernmechaniken — verdeckte Aufstellung, Koordinatenansage, Treffer-oder-Fehler-Rückmeldung — waren in dieser frühen Version bereits vollständig ausgeformt.

Russische Historikerberichte beschreiben die Verbreitung des Spiels über Militärakademien in Sankt Petersburg und Moskau vor dem Ersten Weltkrieg. Falls zutreffend, wäre Morskoi Boi die früheste dokumentierte Form dessen, was wir heute als Schiffe versenken kennen. Das Spiel wurde später in der gesamten Sowjetunion weit verbreitet und blieb dort während des gesamten 20. Jahrhunderts ein beliebtes Bleistift-und-Papier-Spiel.

Die französische Verbindung: Bataille Navale

Französische Quellen deuten auf eine parallele Entwicklung hin. Bataille navale („Seeschlacht") erschien zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Frankreich als Bleistift-und-Papier-Spiel, das sowohl von Schulkindern als auch von Militärangehörigen gespielt wurde. Die französische Version verwendete beschriftete Spalten und nummerierte Zeilen — dasselbe Koordinatensystem (A1, B5 usw.), das weltweit zum Standard wurde.

Einige Historiker argumentieren, die französische Version sei älter als die russische, und verweisen auf Frankreichs starke Marinetradition und sein militärisches Bildungssystem als fruchtbaren Boden für ein Seekriegs-Strategiespiel. Das koordinatenbasierte Rastersystem deckt sich zudem mit den französischen kartographischen Traditionen.

In den 1920er Jahren war Bataille navale in französischen Schulen weithin bekannt und wurde von Generation zu Generation als mündliche Tradition ohne formell veröffentlichte Regeln weitergegeben. Diese mündliche Überlieferung erschwert eine genaue Datierung, was einer der Gründe ist, warum die Herkunftsdebatte bis heute andauert.

Die Schützengräben-Theorie des Ersten Weltkriegs

Eine weitere Theorie verortet den Ursprung des Spiels in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs, wo Soldaten verschiedener Nationen rasterbasierte Ratespiele spielten, um die Langeweile während der langen Phasen der Untätigkeit zu vertreiben, die für den Grabenkrieg charakteristisch waren.

Diese Theorie legt nahe, dass das Spiel unabhängig voneinander unter britischen, französischen und russischen Truppen entstanden sein könnte, was erklären würde, warum mehrere Länder die Urheberschaft beanspruchen. Soldaten brauchten Spiele, die leise waren (anders als Würfel- oder Kartenspiele), minimale Ausrüstung erforderten (nur Papier und Bleistift) und schnell unterbrochen und fortgesetzt werden konnten — alles Eigenschaften, die Schiffe versenken perfekt erfüllt.

Nach dem Krieg brachten die heimkehrenden Soldaten das Spiel mit nach Hause, wo es sich in der Zivilbevölkerung verbreitete. In den 1920er Jahren wurde Schiffe versenken in Großbritannien, Frankreich, Russland und Deutschland zu einem beliebten Gesellschaftsspiel, wobei jedes Land einen eigenen Namen und geringfügige Regelabweichungen entwickelte, während der Spielablauf im Kern identisch blieb.

Schiffe versenken: Die deutsche Tradition

In Deutschland wurde das Spiel unter dem Namen Schiffe versenken besonders in der Zwischenkriegszeit (1918–1939) populär und wurde ausgiebig in Schulen und Familien gespielt. Wie andere europäische Versionen verwendete es ein Rastersystem mit Koordinaten.

Die deutsche Tradition trug mehrere Neuerungen zum Spiel bei. Einige deutsche Versionen führten das Konzept unterschiedlicher Schiffsgrößen ein, die mehrere Rasterfelder belegen — das Schlachtschiff mit 4–5 Feldern, der Kreuzer mit 3 Feldern und das U-Boot mit 2 Feldern. Diese Variierung der Schiffsgrößen fügte strategische Tiefe hinzu, die später in den kommerziellen Versionen zum Standard wurde.

Die deutsche Pädagogik erkannte früh den pädagogischen Wert des Spiels und setzte Schiffe versenken ein, um Koordinatengeometrie und logisches Denken im Mathematikunterricht zu vermitteln — eine Praxis, die heute weltweit in Schulen fortgesetzt wird.

Erste kommerzielle Versionen

Während das Bleistift-und-Papier-Spiel jahrzehntelang existierte, erschien die erste bekannte kommerzielle Veröffentlichung 1931, als die Starex Novelty Company in den USA „Salvo" herausbrachte — ein blockbasiertes Spiel, das die Regeln formalisierte und vorgedruckte Raster bereitstellte.

Es folgten mehrere konkurrierende kommerzielle Versionen in den 1930er und 1940er Jahren. 1943 veröffentlichte Milton Bradley eine Bleistift-und-Block-Version namens „Broadsides, the Game of Naval Strategy". Andere Verlage brachten ähnliche Versionen unter Namen wie „Warfare Naval Combat" und „Combat: The Battleship Game" heraus.

Der entscheidende kommerzielle Durchbruch kam 1967, als Milton Bradley die ikonische Plastik-Brettspielversion mit zwei aufklappbaren Koffern, Steckstiften zum Markieren von Treffern und Fehlern und einer standardisierten Flotte von fünf Schiffen herausbrachte. Diese Version — mit dem befriedigenden Klicken der Stifte in den Plastiklöchern — wurde zum maßgeblichen Schiffe-versenken-Produkt und wird bis heute unter Hasbro (das Milton Bradley 1984 übernahm) produziert.

Das Spiel in verschiedenen Sprachen und Kulturen

Die weltweite Verbreitung des Spiels spiegelt sich in seinen vielen Namen wider, die jeweils etwas darüber verraten, wie verschiedene Kulturen es übernahmen:

  • Deutsch: Schiffe versenken
  • Englisch: Battleship, Battleships, Sea Battle
  • Französisch: Bataille navale („Seeschlacht")
  • Russisch: Морской бой — Morskoi Boi („Seeschlacht")
  • Polnisch: Statki („Schiffe") oder Okręty („Kriegsschiffe")
  • Spanisch: Batalla naval oder Hundir la flota („Die Flotte versenken")
  • Italienisch: Battaglia navale („Seeschlacht")
  • Niederländisch: Zeeslag („Seeschlacht")
  • Portugiesisch: Batalha naval („Seeschlacht")
  • Japanisch: 海戦ゲーム — Kaisen Gēmu („Seeschlachtspiel")
  • Schwedisch: Sänka skepp („Schiffe versenken")
  • Norwegisch: Senke skip („Schiffe versenken")

Bemerkenswert ist, dass die meisten Sprachen einen Namen wählten, der die Seeschlacht beschreibt, während die germanischen Sprachen die Aktion des Versenkens bevorzugen („Schiffe versenken", „Sänka skepp"). Dieses sprachliche Muster könnte unterschiedliche kulturelle Schwerpunkte widerspiegeln — die Erhabenheit des Seekampfes gegenüber dem strategischen Ziel des Spiels.

Warum es keinen einzelnen Erfinder gibt

Anders als Schach (dessen Ursprung ebenfalls umstritten, aber besser nachvollziehbar ist) hat Schiffe versenken wahrscheinlich keinen einzelnen Erfinder. Die Theorien umspannen drei Jahrhunderte — von Offizieren der Royal Navy im 18. Jahrhundert über Seeleute im 19. Jahrhundert bis zu Soldaten des frühen 20. Jahrhunderts — doch keine hat schlüssige dokumentarische Belege hervorgebracht. Mehrere Faktoren sprechen für die Theorie einer unabhängigen Parallelentwicklung:

  • Einfache Materialien: Jedes Spiel, das nur Papier und Bleistift benötigt, kann überall entstehen, wo Alphabetisierung und Rasterkonzepte existieren
  • Universelles Konzept: Seekriegsführung war zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine gemeinsame kulturelle Referenz aller europäischen Großmächte
  • Rastermathematik: Koordinatensysteme waren in der militärischen Ausbildung länderübergreifend Standard, was ein rasterbasiertes Spiel zu einer naheliegenden Erfindung machte
  • Mündliche Überlieferung: Das Spiel verbreitete sich durch Mundpropaganda statt durch veröffentlichte Regeln und hinterließ keine eindeutige Papierspur
  • Militärische Mobilität: Soldaten und Seeleute bewegten sich zwischen Ländern, trugen Spiele über Grenzen hinweg und verwischten nationale Ursprünge

Die wahrscheinlichste Wahrheit ist, dass mehrere Menschen in mehreren Ländern im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert unabhängig voneinander sehr ähnliche Spiele erfanden. Als diese Versionen schließlich aufeinandertrafen — durch Krieg, Handel und kulturellen Austausch — verschmolzen sie zu dem einheitlichen Spiel, das wir heute kennen.

Vom Bleistift und Papier zum digitalen Spiel

Heute lebt das Spiel, das russische Offiziere, französische Schulkinder und Soldaten in den Schützengräben mit Bleistift und Papier spielten, in digitaler Form weiter. Moderne Umsetzungen wie Sinkships bewahren die exakten Mechaniken, die jene frühen Spieler etablierten — das verdeckte Raster, die Koordinatenansagen, den Nervenkitzel eines bestätigten Treffers — und fügen KI-Gegner hinzu, die Wahrscheinlichkeitstheorie und algorithmische Strategien verwenden, die von Hand unmöglich zu berechnen wären.

Die Reise von einem gekritzelten Raster in einem Schützengraben des Ersten Weltkriegs zu einem browserbasierten Spiel mit fünf Stufen künstlicher Intelligenz umspannt über ein Jahrhundert, doch das Kernerlebnis ist bemerkenswert unverändert geblieben. Wenn Sie Ihre Flotte auf dem Sinkships-Raster platzieren und Ihren ersten Schuss abgeben, nehmen Sie an einer Tradition teil, die Millionen von Spielern in Dutzenden von Ländern und über mehr als hundert Jahre Geschichte teilen.

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